150 Jahre Adventisten in Deutschland: Advent-Wohlfahrtswerk ─ professionelle Sozialarbeit und ehrenamtliches Engagement
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Adventistische Geschichte

19. März 2026 09:02APDHannover, Lower Saxony, Germany

150 Jahre Adventisten in Deutschland: Advent-Wohlfahrtswerk ─ professionelle Sozialarbeit und ehrenamtliches Engagement

Das Advent-Wohlfahrtswerk e. V. (AWW) der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten wurde 1897 von Freiwilligen in Hamburg gegründet.

Das ehrenamtliche Engagement hat im AWW von Anbeginn einen wichtigen Platz. „Unsere Stärke liegt im Zusammenspiel von professioneller Sozialarbeit und ehrenamtlichem Engagement. Mit innovativen Projekten und einem offenen Herz gestalten wir eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft“, betont Lothar Scheel, im AWW für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Als 1889 die erste adventistische Kirchengemeinde in Hamburg mit 25 Mitgliedern gegründet wurde, war ihnen bewusst, dass nach den Worten Jesu im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums die Glaubwürdigkeit eines Christen sich nicht in frommen Reden erweise, sondern im Tun guter Werke der Barmherzigkeit. Das Speisen der Hungrigen, das Kleiden der Armen und die Sorge um Hilfsbedürftige sei der einzig angemessene Dienst für Jesus und die rechte Vorbereitung auf sein Kommen, hieß es damals. Deshalb gründeten sie 1897 einen „Christlichen Hilfsverein“. Sehr schnell entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts auch in anderen Ländern Europas adventistische Wohlfahrtsgruppen. Sie sammelten Nahrungsmittel und Schuhe, nähten oder änderten Kleidungsstücke und verteilten sie an Bedürftige. 1899 wurde in Hamburg die erste Armenkasse eingerichtet.

Anfänge in Friedensau

Noch vor der Jahrhundertwende kaufte die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten ein etwa 35 Hektar großes Gelände in Friedensau bei Magdeburg und begann mit dem Bau und Betrieb eines Missionsseminars sowie verschiedener Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. 1907 wurde den „Anstalten Friedensau“ ein Altenheim hinzugefügt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren es nicht mehr nur die ohnehin schon vielen Armen, die der Hilfe bedurften. Nach Kriegsende wurden Gemeindeschwestern eingestellt, obwohl es eine „Hilfsorganisation“ im heutigen Sinne noch nicht gab.

Gründungsmitglied des DPWV

Mit dem Beginn der 1920er-Jahre nahmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Deutschland stetig zu und damit die Notwendigkeit, aber auch die Bereitschaft der adventistischen Kirchengemeinden, den Armen zu helfen. Am 7. April 1924 wurde unter Beteiligung des AWW als Gründungsmitglied der „Fünfte Wohlfahrtsverband“ gegründet, der 1932 in den „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband“ (DPWV) umbenannt und Mitglied der „Liga der freien Wohlfahrtspflege“ wurde. Auch die Leitung der Siebenten-Tags-Adventisten ließ das AWW als Verein eintragen. Der erste Eintrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erfolgte am 5. September 1927, 30 Jahre nach den ersten Anfängen.

Das Wirken von Hulda Jost

Hulda Jost wurde am 1. September 1928 Leiterin des AWW und blieb es bis zu ihrem Tod im März 1938. Lothar Scheel charakterisiert sie als charismatische Persönlichkeit mit Durchsetzungsfähigkeit und Organisationstalent. „Hulda Jost war das Gesicht des AWW in dieser Zeit.“ Mit der Gleichschaltung oder Auflösung aller Sozialwerke, einschließlich des DPWV ab 1934, wurde das AWW der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) unterstellt. Hulda Jost nutzte ihre Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten, um das AWW nicht nur am Leben zu halten, sondern das Sozialwerk als Schutzraum und Legitimation der Siebenten-Tag-Adventisten darzustellen. „Bei aller Würdigung ihrer Leistungen bleibt jedoch ein dunkler Schatten“, gab Scheel zu bedenken. „Dass sie für das verbrecherische Wesen des Nationalsozialismus offensichtlich blind war, zeigt, dass Sozialarbeit niemals unpolitisch ist oder in einem wertfreien Raum geschieht.“

Kriegs- und Nachkriegszeit

Als der Krieg ausbrach, wurde auch das AWW, das nun unter der Leitung von Otto Brozio (1938–1968) stand, zunehmend in den Dienst der kriegswichtigen Erfordernisse, insbesondere dem Krieg an der „Heimatfront“ gestellt. Auch in den ersten Nachkriegsjahren gab es faktisch keine organisierte Wohlfahrtsarbeit mehr. Überall in Deutschland herrschte Hunger. Nun waren es die Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten in Übersee – insbesondere in den USA –, die auf beispielhafte Weise mit Lebensmitteln, Kleidung und Dingen des täglichen Bedarfs halfen.

Erst am 25. März 1949 wurde das AWW durch die Alliierten-Kommandantur in Berlin als Verein lizensiert und am 5. Juli in das Vereinsregister beim Amtsgericht Berlin eingetragen. Noch im gleichen Jahr wurde es wieder Mitglied im neugegründeten DPWV in Westdeutschland. Nun waren die Voraussetzungen geschaffen, dass sich das AWW zu jenem freikirchlichen Sozialwerk entwickeln konnte, das es heute ist. Seit 1998 ist der Verwaltungssitz und seit 2018 auch der Vereinssitz in Hannover.

Die soziale Arbeit in der DDR

Von diesen Entwicklungen blieb der Osten Deutschlands weitgehend ausgenommen. Den Adventisten in der DDR war es nicht gestattet, ein eigenes Sozialwerk zu unterhalten. Diakonische Dienste sowie Kinder- und Jugendarbeit hatten ausschließlich innerkirchlich zu erfolgen. Lediglich im Bereich der Suchtkrankenhilfe entstand seit den 1970er-Jahren durch Einzelpersonen initiiert die Suchthilfe-Arbeit mit einem Netzwerk von Selbsthilfegruppen, das bis heute besteht. Die anerkannte Sucht-Beratungs- und Behandlungsstelle (SBB) in Chemnitz ging aus der Suchtselbsthilfe hervor. Seit den 1970er-Jahren wurde es möglich, in einige dem kommunistischen System verbundene Länder Afrikas wie Angola und Mosambik, Medikamente, Nahrungsmittel, Fahrzeuge und verschiedene Hilfsgüter zu liefern. Vereinzelt konnten bei Naturkatastrophen in sogenannten Ostblock-Ländern, wie Rumänien, Hilfsgüter gespendet werden.

Die Entwicklung des AWW seit der Wiedervereinigung 1990

Die politische Wende von 1989 und die deutsche Wiedervereinigung waren auch für das AWW eine Art „Frischzellenkur“, so Scheel. Ein wesentlicher Bereich der sozialen Tätigkeit der AWW-Helferkreise in der alten Bundesrepublik, nämlich Hilfspakte in „den Osten“ zu schicken, hatte sich über Nacht erledigt. Dafür standen in den neuen Bundesländern die Türen für soziale Tätigkeiten aller Art sperrangelweit offen. Viele soziale Einrichtungen wurden privatisiert, Kindertagesstätten (Kitas) suchten Träger. Die Leitung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten war jedoch vorsichtig und wartete zunächst ab.

Erst 1993 wurden schließlich mit der SBB Chemnitz und dem Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen in Leipzig neue Einrichtungen gegründet und in Trägerschaft des AWW übernommen. Ab 2006 begann das AWW mit der Eröffnung der Kita in Berlin-Zehlendorf mit der Gründung von Kitas in eigener Trägerschaft. Um 2000 startete Walter Kopmann in Berlin eine Gründungsinitiative für einen ambulanten Hospizdienst aus der 2006 schließlich der Verein AWW Hospiz Berlin e. V. hervorging. Der Hospiz-Gedanke war somit im AWW gepflanzt und wurde 2005 zur Gründungsinitiative für ein vollstationäres Hospiz in Lauchhammer im südlichen Land Brandenburg. 2009 wurde das erste Hospiz unter 50-prozentiger Beteiligung des AWW in Lauchhammer eröffnet. 2013 folgte die Eröffnung eines weiteren Hospizes in Uelzen. Die Flüchtlingssituation 2015 und die vielen Hilfsprojekte auch im AWW waren kein einmaliges Ereignis, sondern fanden durch die Flüchtlingswelle des Krieges in der Ukraine ihre Fortsetzung.

Damals wie heute sei ehrenamtliches Engagement eine tragende Säule im AWW. Denn ohne in die Gesellschaft ausgestreckte und wirksam helfende Hände werde die christliche Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen immer weniger Gehör und Annahme finden, gab Lothar Scheel zu bedenken. „Religiöse Themen ohne überzeugend gelebte Mitmenschlichkeit werden allenfalls ein Nischendasein in Randgruppen fristen, aber nicht mehr die Gesellschaft durchdringen und prägen.“

Das Advent-Wohlfahrtswerk ist als bundesweit tätiger gemeinnütziger Verein Träger und Gesellschafter verschiedener sozialer Einrichtungen und Projekte. Es bietet Hilfe und Unterstützung in verschiedenen Lebensphasen und insbesondere in schwierigen Lebens- und Krisensituationen an.

Einrichtungen des AWW:

• 8 Kindertagesstätten (Gunzenhausen/Mittelfranken, Berlin-Zehlendorf, Wasserburg/Inn, München Westpark, Bad Aibling, Fürth, Neuburg/Donau, und Friedensau bei Magdeburg).

• 1 Heilpädagogische Tagesstätte (Neuburg/Donau).

• 1 Schule (Oberschule mit Grundschulteil in Oranienburg/Oberhavel).

• 1 Zentrum für Freizeit und Feriengestaltung (Gartow/Wendland).

• 3 Familien- und Nachbarschaftszentren (Leipzig, Görlitz und Herne).

• 1 Seelsorge- und Beratungsstelle (Potsdam).

• 1 Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung (Groß-Umstadt bei Darmstadt).

• 1 Suchtberatungszentrum (Chemnitz).

• 7 Sucht-Selbsthilfegruppen SHG (Chemnitz 3 SHG, Grimma, Leipzig, Schwedt und Thalheim/Erzgebirge).

• 1 Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen (Leipzig).

• 7 Suppenküchen (Berlin-Zehlendorf, Freudenstadt, Bad Düben, Schwedt, Ludwigsburg, Nürtingen und Stuttgart Bad Cannstatt).

• 1 Kontaktstelle für Menschen in Not (Schutzhütte Schwedt).

• 4 Kleiderkammern (Friedensau bei Magdeburg, Plauen, München-Nymphenburg und Leipzig).

• 2 Flüchtlingshilfen (Nordhausen und Sonneberg).

• 1 Trauerbegleitung (Trauercafé Berlin-Charlottenburg).

• 5 Seniorenheime (Friedensau bei Magdeburg, Berlin-Steglitz, Neandertal bei Düsseldorf, Uelzen und Bad Aibling).

• 2 Betreutes Wohnen (Friedensau bei Magdeburg und Bad Aibling).

• 1 Seniorenwohnanlage (Mölln).

• 1 Ambulante Pflege (Friedensau bei Magdeburg).

• 1 Tagespflege (Friedensau bei Magdeburg).

• 2 Hospize (Uelzen und Lauchhammer im Süden Brandenburgs).

• 2 Ambulante Hospizdienste (Uelzen und Berlin).

Ehrenamtliches Engagement sei eine tragende Säule in der Gesellschaft und auch im Advent-Wohlfahrtswerk, so Lothar Scheel. In über 50 AWW-Helferkreisen leisteten in Deutschland Menschen einen unschätzbaren Beitrag zur Unterstützung jener, die Hilfe und Solidarität brauchen. Im Bereich der einfachen sozialen Hilfe arbeiteten überwiegend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in Helferkreisen und Projekten. Andererseits habe das AWW rund 800 hauptamtliche, gut ausgebildete Fachkräfte in seinen sozialen Einrichtungen. Weitere Informationen: www.aww.info.

150 Jahre Adventisten in Deutschland

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland feiert 2026 ihr 150-jähriges Bestehen. 1876 wurden die beiden ersten adventistischen Kirchengemeinden (Adventgemeinden) in Solingen und Vohwinkel (heute ein Stadtteil von Wuppertal) gegründet. Mit dem Slogan „Mut für morgen“ will die Freikirchenleitung verdeutlichen, dass sie ihren Blick hoffnungsvoll nach vorn richtet. Gegenwärtig hat die Freikirche in Deutschland über 34.000 mündig getaufte Mitglieder, die sich in 560 Adventgemeinden versammeln. Weitere Informationen über die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland finden sich unter www.adventisten.de. Informationen über das 150-jährige Freikirchenjubiläum gibt es unter www.adventisten.de/mut.

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