
1. Juni 2026 22:01Heidemarie Klingeberg
Andacht 02.06.2026
„Buchstäblich leben!“ ist eine vierteilige ZDF-Dokumentation über acht mutige Frauen und Männer. Sie gehören zu den 6,2 Millionen Erwachsenen in unserem Land, die nicht lesen und schreiben können. Dadurch bleibt ihnen ein großer Teil der Welt verschlossen.
Tina zum Beispiel. Sie ist 62 Jahre alt und hat ihre Heimatstadt Berlin noch nie verlassen, weil sie sich nicht traut zu reisen. Sie kann die Ortsnamen auf dem Fahrplan nicht lesen. Oder Enrico, 30 Jahre alt – er möchte seinem neugeborenen Sohn einmal Gutenachtgeschichten vorlesen können.
Der 47-jährige Oliver, Vater von vier Kindern, will mit 50 endlich seinen Hauptschulabschluss schaffen. „Der Schmerz, die Scham sind immer da“, sagt er, „die Panik, das Verstecken. Keiner soll es merken! So wird man einsam, hat keine Freunde.“ Oliver bekam zu Hause Prügel statt Unterstützung, Strafen statt Verständnis. Lehrerinnen und Lehrer haben nicht geholfen, sondern bloßgestellt. Derartige Erfahrungen machen die meisten Analphateben. Sie gelten als dumm oder faul. Nicht selten ist ihr Selbstwert so gering, dass sie an Suizid denken.
Die TV-Dokumentation begleitet die acht auf ihrer Suche nach Respekt und Anerkennung. Vier Monate Intensivtraining enden mit einem großen Fest. Angehörige und Freunde sind gekommen. Jeder hält die Rede, für die er so lange geübt hat. Tränen fließen. Auch ich sitze gerührt auf meinem Sofa und freue mich von Herzen über die Erfolge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Doch ich frage mich auch: Warum hat sich nie jemand gekümmert? Warum ist die Not dieser Menschen niemandem aufgefallen? Wie anders wären die Biografien verlaufen, wenn jemand rechtzeitig hingeschaut hätte! „Lasst uns aufeinander achten!“ (Hbr 10,24 Hfa). Lasst uns hinsehen, uns hineinfühlen! Nehmen wir die Menschen wahr, die zu uns gehören oder auch nur kurz unseren Weg kreuzen. Es sind oft kleine Gesten, die kaum Mühe kosten: ein Lächeln, ein Schritt zur Seite, ein aufmunternder Blick, Fragen, Anteilnahme. Ja, wir haben einen Gott, der uns sieht und für uns sorgt. Er möchte, dass auch wir auf die Menschen achten, die uns heute begegnen.
© Advent-Verlag Lüneburg mit freundlicher Genehmigung (der Link ist: http://www.advent-verlag.de)
„Buchstäblich leben!“ ist eine vierteilige ZDF-Dokumentation über acht mutige Frauen und Männer. Sie gehören zu den 6,2 Millionen Erwachsenen in unserem Land, die nicht lesen und schreiben können. Dadurch bleibt ihnen ein großer Teil der Welt verschlossen.
Tina zum Beispiel. Sie ist 62 Jahre alt und hat ihre Heimatstadt Berlin noch nie verlassen, weil sie sich nicht traut zu reisen. Sie kann die Ortsnamen auf dem Fahrplan nicht lesen. Oder Enrico, 30 Jahre alt – er möchte seinem neugeborenen Sohn einmal Gutenachtgeschichten vorlesen können.
Der 47-jährige Oliver, Vater von vier Kindern, will mit 50 endlich seinen Hauptschulabschluss schaffen. „Der Schmerz, die Scham sind immer da“, sagt er, „die Panik, das Verstecken. Keiner soll es merken! So wird man einsam, hat keine Freunde.“ Oliver bekam zu Hause Prügel statt Unterstützung, Strafen statt Verständnis. Lehrerinnen und Lehrer haben nicht geholfen, sondern bloßgestellt. Derartige Erfahrungen machen die meisten Analphateben. Sie gelten als dumm oder faul. Nicht selten ist ihr Selbstwert so gering, dass sie an Suizid denken.
Die TV-Dokumentation begleitet die acht auf ihrer Suche nach Respekt und Anerkennung. Vier Monate Intensivtraining enden mit einem großen Fest. Angehörige und Freunde sind gekommen. Jeder hält die Rede, für die er so lange geübt hat. Tränen fließen. Auch ich sitze gerührt auf meinem Sofa und freue mich von Herzen über die Erfolge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Doch ich frage mich auch: Warum hat sich nie jemand gekümmert? Warum ist die Not dieser Menschen niemandem aufgefallen? Wie anders wären die Biografien verlaufen, wenn jemand rechtzeitig hingeschaut hätte! „Lasst uns aufeinander achten!“ (Hbr 10,24 Hfa). Lasst uns hinsehen, uns hineinfühlen! Nehmen wir die Menschen wahr, die zu uns gehören oder auch nur kurz unseren Weg kreuzen. Es sind oft kleine Gesten, die kaum Mühe kosten: ein Lächeln, ein Schritt zur Seite, ein aufmunternder Blick, Fragen, Anteilnahme. Ja, wir haben einen Gott, der uns sieht und für uns sorgt. Er möchte, dass auch wir auf die Menschen achten, die uns heute begegnen.
© Advent-Verlag Lüneburg mit freundlicher Genehmigung (der Link ist: http://www.advent-verlag.de)



