
20. März 2026 23:01Ralf Schönfeld
Andacht 21.03.2026
Gedanken zum Thema: Innehalten
Er hieß Müller und hatte Literatur im Blut. Mein Abilehrer war ein echter Knochen-Müller. Persönlich hatten wir ein etwas ambivalentes Verhältnis: Er bekennender Kommunist – ich zugegebenermaßen Christ. Man habe ihm damals bei einem Gottesdienstbesuch seine warme Pudelmütze geklaut. Das war zu einer Zeit, als so eine Mütze noch ein echter Schatz war. Seitdem wolle er mit Kirche nichts mehr zu tun haben, erklärte er der Klasse. Verständnis allerseits. Ob dies sein wirklicher Grund war – wer weiß. Geschätzt habe ich seinen Unterricht dennoch. Er begnügte sich nicht mit der Oberfläche. Eines Tages konfrontierte er uns Nachwuchsklassenkämpfer mit einem Bertolt-Brecht-Zitat: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“
Die Worte des Dramatikers berühren mich bis heute. Es ist so wahr! Darf ich nicht berechtigt wütend sein über die egomanischen Parolen der bekannten Machtgeier? Über hohle Phrasen selbstverliebter Schlauschwätzer? Mich regt es auf, das ewig dumpfe Du-bist-falsch-Getöse der Hartholz-Richtigglauber – sie hämmern damit jeden nieder, der sich nach Gnade sehnt. Und dann fällt es mir wieder ein: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Nein, mit Geringschätzung und Verbitterung möchte ich meinem Nächsten nicht begegnen. Was aber tun, wenn wir guten Christenmenschen mit dem Augsburger gemeinsam bekennen müssen: „Wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein“?
Das Andachtswort lädt zum Innehalten ein: Besinne dich auf den, der erschienen ist. Aufgegangen ist er wie eine Sonne: Er hat es wieder hell gemacht über dem Dunkel der Völker. Gott selbst kam in Jesus – mit leuchtender Freundlichkeit in den Augen und barmherziger Feinfühligkeit in den Händen. Auch denen gegenüber, die vermeintlich Schuld tragen an meiner heiseren Stimme – oder die in der Kirche klauen. Ich möchte heute mein Herz von dem anrühren lassen, der es wieder herzlich werden lässt.
© Advent-Verlag Lüneburg mit freundlicher Genehmigung (der Link ist: http://www.advent-verlag.de)
Gedanken zum Thema: Innehalten
Er hieß Müller und hatte Literatur im Blut. Mein Abilehrer war ein echter Knochen-Müller. Persönlich hatten wir ein etwas ambivalentes Verhältnis: Er bekennender Kommunist – ich zugegebenermaßen Christ. Man habe ihm damals bei einem Gottesdienstbesuch seine warme Pudelmütze geklaut. Das war zu einer Zeit, als so eine Mütze noch ein echter Schatz war. Seitdem wolle er mit Kirche nichts mehr zu tun haben, erklärte er der Klasse. Verständnis allerseits. Ob dies sein wirklicher Grund war – wer weiß. Geschätzt habe ich seinen Unterricht dennoch. Er begnügte sich nicht mit der Oberfläche. Eines Tages konfrontierte er uns Nachwuchsklassenkämpfer mit einem Bertolt-Brecht-Zitat: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“
Die Worte des Dramatikers berühren mich bis heute. Es ist so wahr! Darf ich nicht berechtigt wütend sein über die egomanischen Parolen der bekannten Machtgeier? Über hohle Phrasen selbstverliebter Schlauschwätzer? Mich regt es auf, das ewig dumpfe Du-bist-falsch-Getöse der Hartholz-Richtigglauber – sie hämmern damit jeden nieder, der sich nach Gnade sehnt. Und dann fällt es mir wieder ein: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Nein, mit Geringschätzung und Verbitterung möchte ich meinem Nächsten nicht begegnen. Was aber tun, wenn wir guten Christenmenschen mit dem Augsburger gemeinsam bekennen müssen: „Wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein“?
Das Andachtswort lädt zum Innehalten ein: Besinne dich auf den, der erschienen ist. Aufgegangen ist er wie eine Sonne: Er hat es wieder hell gemacht über dem Dunkel der Völker. Gott selbst kam in Jesus – mit leuchtender Freundlichkeit in den Augen und barmherziger Feinfühligkeit in den Händen. Auch denen gegenüber, die vermeintlich Schuld tragen an meiner heiseren Stimme – oder die in der Kirche klauen. Ich möchte heute mein Herz von dem anrühren lassen, der es wieder herzlich werden lässt.
© Advent-Verlag Lüneburg mit freundlicher Genehmigung (der Link ist: http://www.advent-verlag.de)



