Andacht 31.05.2026
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Bibel
Glauben

30. Mai 2026 22:01Dennis Meier

Andacht 31.05.2026

Gedanken zum Thema: Spannung

„Von wegen!“ Ich höre schon den Einspruch der psychologisch Geschulten gegen diesen (Neben-)Satz aus dem Hohelied der Liebe. In der Transaktionsanalyse wird gelehrt, dass der Mensch drei Ich-Zustände in sich vereint, der wichtigste davon ist das Kind-Ich. Das sind die elementaren Reaktionen und Gemütszustände, die wir in der Kindheit gelernt haben bzw. die Teil unserer Persönlichkeit sind. Die erste impulsive Reaktion auf etwas, bevor wir noch zu denken beginnen, ist so eine Kind-Ich-Reaktion.

„Von wegen ...“, würde ich aber auch als Pastor, nicht als Psychologe sagen. Wer schon einmal in einem Gemeindekonflikt steckte, wird das Wort Kinder­garten oft gehört oder zumindest gedacht haben. In so einem konflikthaften Gespräch wurde mir einmal ­erklärt, dass der Verstand oder der Glaube die Lok sei, die Gefühle die Waggons, die hinterherfahren.

Jede Psychologin aber würde sofort einwenden, dass wir keine Ahnung haben, wie stark die für uns unsicht­baren Loks sind, die unsere Lebenskarren ziehen.

Müssen wir also entweder Paulus besserwisserisch zurückmelden, dass er hier falschliegt, oder zumindest gnädig zugestehen, dass seinerzeit die Psychologie noch nicht „erfunden“ war?

Der direkte Zusammenhang kann hier klärend sein. Da sagt Paulus im Satz davor: „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“ Im Satz danach redet er vom trüben Spiegel, durch den wir blicken. Eingebettet in diesen Vor- und Nachsatz wird deutlich, dass Paulus vom Ablegen eines kindlichen Zustands spricht, von dem er aber weiß, dass er jenseits des Spiegels liegt, nicht diesseits. Es werden also das Ziel (das Kindliche abgelegt/abgeschafft haben) und die Gegenwart (rätselhaft und unvollkommen) in kreativer Spannung belassen.

Genau die Spannung eben, in die wir immer wieder geworfen werden, wenn wir lieben dürfen oder sollen. Genau die Spannung von Geborgenheit und Verletzlichkeit, von Ideal und Wirklichkeit, von „Die Liebe sagt: Es ist, wie es ist“ und dem uns bekannten „Aber so bitte auch wieder nicht“.

So gesehen ist der Satz nicht kühne Behauptung, sondern hoffnungsvolle Aussicht, die mit den Augen der Liebe erkannt wird, wenn auch erst trübe – durch einen Spiegel.

Zum Bibelvers: 1. Korinther 13,11

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